Warum hunderte Euro für eine Smartwatch ausgeben, wenn es bei LIDL ein Modell für 59,99 Euro gibt? Das Datenblatt der Crivit Sport Smartwatch verspricht viel: GPS, AMOLED-Display, Sprachassistenten und eine Akkulaufzeit, die Platzhirsche wie die Apple Watch alt aussehen lässt. Outdoormonster hat das Discounter-Schnäppchen im Online-Store von LIDL gekauft und auf dem Rennrad und der Laufstrecke gequält. Ist die LIDL-Uhr eine echte Alternative zu höherpreisigen Smartwatches?

Crivit Sport-Smartwatch CSG 430 A1 auf einen Blick
Display: 1,43″ AMOLED-Farbdisplay
Sensoren: GPS, Herzfrequenz, SpO2, Barometer, Höhenmesser
Schutzklasse: IP68 (staub- und wasserfest)
Konnektivität: Bluetooth 5.3 (Anrufe möglich)
Gewicht: ca. 57 g
Preis: 59,99 €
Kurzfazit
Die Crivit Sport Smartwatch von LIDL ist ein klassischer Blender. Während die Optik und die Telefonfunktion zunächst überzeugen, disqualifiziert sich die Uhr im sportlichen Einsatz komplett. Unbrauchbare Pulswerte, absurde Daten-Graphen und eine fehlerhafte Auswertungen machen sie für Läufer und Radfahrer wertlos. Wer eine zuverlässige Smartwatch sucht, sollte lieber etwa mehr Geld in die Hand nehmen.
Crivit Sport Smartwatch: Erster Eindruck
Packt man die Crivit Sport Smartwatch aus, ist der erste Eindruck zunächst positiv. Das Gehäuse wirkt stabil, keineswegs billig und erinnert bei flüchtigem Hinsehen an die High-End-Modelle der Garmin Fenix-Serie. Ein weiterer Pluspunkt für Outdoor-Einsätze: Die Uhr ist nach IP68 zertifiziert, was bedeutet, dass sie staubdicht ist und dauerhaftes Untertauchen in Wasser übersteht. Und: Auch die Einrichtung der zugehörigen App verlief in unserem Test reibungslos.
Das Display: Scharf, aber lichtscheu
Crivit verbaut in der Sport Smartwatch ferner ein 1,43 Zoll großes AMOLED-Farbdisplay. Es ist recht scharf, doch der Discounter macht wohlweislich keine Angaben zur maximalen Helligkeit. Im Outdooreinsatz zeigt sich auch warum: Bei direkter Sonneneinstrahlung lässt sich der Bildschirm kaum noch ablesen. Für eine Sportuhr, die man beim Laufen oder Radfahren unter freiem Himmel nutzt, ist das ein massiver Minuspunkt. Und: Ein für den Alltag praktisches und optisches ansprechenden Immer-an-Display lässt sich auch nicht aktivieren.

Crivit Sport Smartwatch: Technik von gestern
Im weiteren Verlauf des Tests zeigte sich außerdem deutlich: Die Hardware ist bei einer Smartwatch das kleinere Thema. Was zählt, sind die App, die Präzision und das Ökosystem. Und genau hier beginnen die Probleme. Konkret: Der Entwicklungsstand und der Funktionsumfang der Crivit Sport Smartwatch wirken wie eine Zeitreise – leider in die Vergangenheit. Man fühlt sich an Smartwatches von vor fünf bis acht Jahren erinnert. Einige Standard-Features, die heute selbst günstigste Tracker beherrschen, fehlen völlig. Paradebeispiel: Die fehlende Auto-Pause-Funktion. Wer an einer roten Ampel steht, muss manuell eingreifen, sonst wird die Durchschnittsgeschwindigkeit gnadenlos in den Keller gezogen. Das ist nicht nur unkomfortabel, sondern für ambitionierte Sportler schlichtweg unkomfortabel.
Der Praxistest I: Blindflug auf dem Rennrad
Beim Sport haben wir die Crivit Sport Smartwatch gegen eine Garmin Fenix 8 mit gekoppeltem Brustgurt antreten lassen. Das Ergebnis der Herzfrequenzmessung beim Rennradfahren war eine Katastrophe: Während der Brustgurt realistische Werte lieferte, lag die Crivit-Uhr im Schnitt rund 50 Schläge darunter. Wer nach diesen Werten trainiert, riskiert im schlimmsten Fall seine Gesundheit oder trainiert völlig am Ziel vorbei.
Völlig absurd wurde es bei der Datenauswertung in der App. Trotz gewählter Aktivität „Rennrad“ präsentierte uns die Software erstaunlicher Weise Werte für die Schrittlänge und Kadenz (Schrittfrequenz, nicht Umdrehungen), die nebenbei bemerkt entsprechend niedrig ausfielen. Dass man auf einem Fahrrad keine Schritte im herkömmlichen Sinne macht, scheint den Entwicklern der Software entgangen zu sein.

Der Praxistest II: 20 km Lauf im Land der Fantasiezahlen
Noch schlimmer wurde es bei einem 20-Kilometer-Lauf. Immerhin war hier die Pulsmessung (wahrscheinlich) genauer. Die Auswertungen der Crivit Sport Smartwatch in der App waren allerdings an Absurdität nicht zu überbieten:
- Herzfrequenz-Lotto: Die App bescheinigte uns eine durchschnittliche Herzfrequenz von 156 bpm. Der direkt darunter liegende Graph zeigte jedoch einen Maximalwert von knapp über 120 bpm an (siehe Bild unten links). Wie ein Durchschnitt höher sein kann als das Maximum, bleibt das Geheimnis der Crivit Sport-Smartwatch. Und vor allem: Stimmt jetzt der Graph oder der Wert?
- Belastungseinschätzung: Eine zweistündige Laufeinheit (fast ein Halbmarathon) stufte die LIDL-Smartwatch vorrangig als “leichte Übung” oder weniger ein (siehe Bild unten rechts). Was muss man bitte anstellen, um eine “harte Übung” attestiert zu bekommen?
- Der Pace-Graph: Die Skala der Tempo-Auswertung in min/km macht überhaupt keinen Sinn. Sie startet bei 0, springt dann auf 33,19, gefolgt von 66,39 bis zu 166,39 siehe Bild unten mittig). Ob man einen Schnitt von 7 oder 4 min/km läuft (in der Läuferszene eine Welt) ist optisch somit kaum erfassbar. Zur Erläuterung: Würde man über 166 Minuten für einen Kilometer brauchen (also ca. 2 Stunden und 46 Minuten), entspräche das einer Geschwindigkeit von etwa 0,36 km/h. Was soll das? Ein technischer Defekt in der Logik, der keinen Rückschluss auf die tatsächliche Laufleistung zulässt. Denn logischer Weise landen selbst die langsamsten Läufer immer ganz oben in der Skala.
- GPS-Chaos: Die Gesamtstrecke war mit 19,86 km zwar noch nah an den 20 km der Garmin Fenix 8 (Abweichung ca. 140 m), doch die Kartendarstellung war abenteuerlich. Laut GPS-Track sind wir streckenweise durch einen See gelaufen (siehe Bild oben). Zudem zeigte die Uhr kurz vor dem Ziel 19 km an, die restlichen 860 Meter fehlten im Prinzip. Erneut vollkommen sinnfrei.
- Schritt-Lotto: Auch bei der Kadenz und der Schrittlänge wichen die Daten von unseren Garmin-Referenzwerten ab. Zwar ist es ohne Laborbedingungen schwer, absolut zu sagen, wer hier physikalisch „Recht“ hat, doch die Logik spricht klar gegen Crivit. Die Uhr gibt etwa eine „durchschnittliche“ und eine „schnellste“ Schrittlänge aus – wobei mit Letzterem vermutlich die maximale Schrittlänge gemeint ist. Hier wurden uns 183 cm angezeigt (siehe Bild unten rechts). Das ist für einen Hobbyläufer schlichtweg unrealistisch.
Kurzum: Die Sportauswertungen der Crivit Sport Smartwatch sind unbrauchbar.

“Smarte” Funktionen: Viel versprochen, wenig gehalten
Lidl wirbt mit der Unterstützung von Google Assistant und Siri. In unserem Test mit einem Android-Smartphone haben wir den Google Assistant in der Crivit Sport Smartwatch aber schlichtweg nicht gefunden. Dass Siri unterstützt wird, halten wir ferner für ein Gerücht – die Crivit Sport Smartwatch wäre neben der Apple Watch die erste Uhr, die das nativ könnte. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei lediglich um eine rudimentäre Bluetooth-Weiterleitung.
Was der Uhr obendrein fehlt, ist eine zeitgemäße Ausstattung für den Alltag: Es gibt weder eine Musikfunktion mit lokalem Speicher (von Streaming-Diensten ganz zu schweigen) noch einen App Store zur Erweiterung der Funktionen und Nachladen von Ziffernblättern. Ebenso vermisst man eine Bezahlfunktion via NFC, die das Portemonnaie beim Bäcker nach dem Lauf ersetzen könnte. Positiv hervorzuheben ist lediglich, dass die Crivit Sport Smartwatch über Mikrofon und Lautsprecher verfügt. Telefonieren klappt in der Nähe des gekoppelten Smartphones sogar gut, die Sprachqualität ist in Ordnung. Auch Nachrichten lassen sich auf der Uhr anzeigen, allerdings nicht beantworten.

Akkulaufzeit: Marketing vs. Realität
Die versprochenen 28 Tage Standby sind nicht zuletzt ein theoretischer Wert. Im realen Betrieb mit aktivierten Sensoren und gelegentlichem GPS-Einsatz sind laut unseren Erfahrungen mit der Crivit Sport Smartwatch rund 11 bis 12 Tage realistisch. Das ist immer noch gut, aber weit weg von den vollmundigen Versprechungen auf dem Karton.
Fazit: Günstig, aber das Geld nicht wert
Wir sagen ganz klar: Die Crivit Sport Smartwatch ist nicht einmal 60 Euro wert. Für Sportler sind die Daten schlicht unbrauchbar und für Smartwatch-Fans fehlen wichtige Features wie Apps, Musik und mobiles Bezahlen.
Falls Ihr Interesse an der Smartwatch von Lidl habt, geht es hier zum Angebot:

Wer sparen möchte, sollte lieber ein paar Euro mehr in die Hand nehmen und zu Einsteigermodellen von Huawei oder Amazfit greifen. Diese bieten für einen geringen Aufpreis ein funktionierendes Ökosystem, präzisere Sensoren und eine ausgereifte Software.
