Nicht VW oder Mercedes: Autohersteller übernimmt erstmals die volle Haftung für assistiertes Fahren

Ein großer Autohersteller übernimmt erstmals finanzielle Schäden bei der Nutzung einiger Fahrerassistenzsysteme. Deshalb ist dieser Schritt für autonomes Fahren und das Kunden-Vertrauen wichtig.

BYD autonomes Fahren, neue KI

Wer ein modernes Fahrerassistenzsystem nutzt, trägt bislang fast immer die Verantwortung, wenn etwas schiefgeht. Nun sorgt ein großer Autohersteller mit einem ungewöhnlichen Versprechen für Aufsehen: Künftig will das Unternehmen finanzielle Schäden übernehmen, wenn es während der regelkonformen Nutzung bestimmter Assistenzfunktionen zu einem rechtlich relevanten Unfall kommt. Damit könnte die Diskussion über Vertrauen und Haftung beim automatisierten Fahren eine neue Richtung einschlagen.

BYD setzt auf ein neues Vertrauensmodell

Der chinesische Hersteller BYD hat angekündigt, für Nutzer seines Fahrerassistenzsystems „God’s Eye“ eine einjährige vollständige Schadensabdeckung anzubieten. Die Regelung gilt für Neukunden sowie für Bestandskunden, die auf die aktuelle Version God’s Eye 5.0 umsteigen. Voraussetzung ist, dass ein Unfall während der bestimmungsgemäßen Nutzung der urbanen NOA-Funktion (Navigate on Autopilot) passiert.

Nach Angaben des Unternehmens werden in solchen Fällen sämtliche finanziellen Schäden übernommen. Damit geht BYD weiter als praktisch alle anderen Hersteller, die trotz immer leistungsfähigerer Assistenzsysteme weiterhin auf die Verantwortung des Fahrers verweisen.

Warum die Haftungsfrage so wichtig ist

Die technischen Fähigkeiten moderner Fahrerassistenzsysteme wachsen rasant. Gleichzeitig bleibt die Frage bestehen, wie viel Verantwortung tatsächlich auf die Software übertragen werden kann.

Viele Autofahrer nutzen Spurhalteassistenten, automatische Parksysteme oder Navigationsfunktionen mit teilautomatisierter Fahrzeugführung bereits im Alltag. Kommt es jedoch zu einem Unfall, entstehen schnell Unsicherheiten über die Haftung. Genau hier setzt die neue Strategie von BYD an.

Das Unternehmen will nicht nur die Technik weiterentwickeln, sondern auch das Vertrauen der Nutzer stärken. Die Schadensabdeckung soll deshalb ein deutliches Signal senden, dass man von den eigenen Systemen überzeugt ist.

Millionen Fahrzeuge liefern Daten für die Entwicklung

BYD begründet den Schritt mit der Größe seiner Flotte und der vorhandenen Datenbasis. Nach Unternehmensangaben sind bereits mehr als 3,15 Millionen Fahrzeuge mit intelligenter Fahrassistenz unterwegs. Das System verarbeitet täglich über 200 Millionen Kilometer an Fahrdaten, die für die Weiterentwicklung der Algorithmen genutzt werden.

Hinzu kommt ein Forschungs- und Entwicklungsteam mit rund 5.000 Ingenieuren. Laut BYD handelt es sich dabei um das größte Team dieser Art innerhalb der chinesischen Automobilindustrie.

Neue KI-Technik soll das System weiter verbessern

Parallel zur Haftungszusage hat BYD mehrere technische Neuerungen vorgestellt. Das Fahrerassistenzsystem God’s Eye erhält unter anderem eine neue XUANJI-Architektur 2.0, eine Satelliten-Sensorarchitektur, ein weiterentwickeltes KI-Modell sowie ein sogenanntes Data Flywheel.

Dabei werden Daten aus realen Fahrsituationen genutzt, um die Systeme kontinuierlich zu verbessern. Je mehr Fahrzeuge unterwegs sind, desto mehr Erfahrungen fließen in die Entwicklung der Software ein.

Auch im Innenraum setzt der Hersteller künftig stärker auf Künstliche Intelligenz. Das neue DiLink AI Intelligent Cockpit soll Fahrer durch einen intelligenten digitalen Assistenten unterstützen, der Aufgaben proaktiv übernimmt und verschiedene Fahrzeugfunktionen miteinander verknüpft.

Eigener Hochleistungschip für autonomes Fahren

Zusätzlich präsentierte BYD den neuen XUANJI A3. Dabei handelt es sich laut Unternehmen um Chinas ersten selbst entwickelten Automotive-Prozessor mit 4-Nanometer-Technologie.

Der Chip unterstützt autonomes Fahren auf Level 3 und Level 4 und erreicht in einer Drei-Chip-Konfiguration eine Rechenleistung von mehr als 2.100 TOPS pro Fahrzeug. Gleichzeitig soll der Energieverbrauch im Vergleich zu ähnlichen Lösungen um rund 20 Prozent sinken.

Mit der Eigenentwicklung folgt BYD einer Strategie, die bereits bei Batterien und Antriebstechnologien erfolgreich war: Wichtige Schlüsseltechnologien sollen möglichst im eigenen Haus entstehen.

Zunächst nur in China

Für europäische Kunden hat die Ankündigung zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen. Die vollständige Schadensabdeckung gilt vorerst ausschließlich auf dem chinesischen Markt. Dennoch dürfte die Entscheidung international aufmerksam verfolgt werden.

Sollte sich das Modell bewähren, könnte der Druck auf andere Hersteller steigen, ähnliche Garantien anzubieten. Denn je leistungsfähiger Fahrerassistenzsysteme werden, desto wichtiger wird die Frage, wer im Ernstfall die Verantwortung trägt. BYD versucht nun als erster großer Hersteller, diese Frage zumindest teilweise selbst zu beantworten.


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