Ganzjahresreifen wirken wie die einfache Lösung: einmal montieren, das Thema Reifenwechsel ist erledigt. Genau diese Bequemlichkeit ist der Grund, warum Allwetterreifen seit Jahren stärker nachgefragt werden. Der aktuelle ADAC-Ganzjahresreifentest bremst diese Erwartung jedoch spürbar: Nur 8 von 16 Modellen gelten als empfehlenswert, vier Reifen zeigen gravierende Mängel und werden als Sicherheitsrisiko eingestuft.
Getestet wurde die Dimension 225/45 R17, die häufig an Fahrzeugen der unteren Mittelklasse und der Kompaktklasse fährt. Bewertet wurden Fahreigenschaften und Bremsleistung auf trockener, nasser, verschneiter und vereister Fahrbahn. Zusätzlich flossen Umweltkriterien wie Laufleistung, Kraftstoffverbrauch, Geräuschentwicklung und Aspekte der Nachhaltigkeit in die Gesamtnote ein.
Was der Test wirklich zeigt: Ganzjahresreifen sind keine Kategorie, sondern ein Spektrum
Der Kern der Ergebnisse lässt sich so zusammenfassen: „Ganzjahresreifen“ ist kein Qualitätsversprechen. Manche Modelle verhalten sich ausgewogen und bleiben in allen Disziplinen auf einem akzeptablen Niveau. Andere Reifen liefern zwar in einzelnen Bereichen passable Werte, lassen aber ausgerechnet dort nach, wo es im Alltag kritisch wird: beim Bremsen auf Nässe oder bei Traktion und Seitenführung im Winter.
Das ist wichtig, weil viele Fahrten, die im Kopf als „normal“ abgespeichert sind, plötzlich zu Grenzsituationen werden können. Ein kurzer Schauer auf der Autobahn, nasser Asphalt im Stadtverkehr oder die kalte Morgentemperatur auf der Landstraße reichen, um Unterschiede sichtbar zu machen.

Die Gewinner: Vier Reifen mit „gut“, ein Duo vorne
Positiv fällt auf: Im Vergleich zum Vorjahr konnten vier Modelle mit „gut“ bewertet werden. Das deutet darauf hin, dass Hersteller nachlegen und die Allwetterkategorie technisch ernst nehmen.
An der Spitze stehen zwei Reifen mit ADAC-Urteil 2,3:
Goodyear Vector 4Seasons Gen-3
Auffällig stark bei der prognostizierten Laufleistung: Der ADAC erwartet hier 68.000 Kilometer. Wer viel fährt, schaut auf genau diesen Wert, weil er die Gesamtkosten pro Kilometer stark beeinflusst.

Continental AllSeasonContact 2
Dieser Reifen erreicht als einziger im Test die Gesamtnote „gut“ bei den Fahrsicherheitswerten. Das ist ein Hinweis auf eine besonders ausgewogene Performance über die relevanten Fahrbahnen hinweg.

Das Spitzenfeld komplettieren:
- Pirelli Cinturato All Season SF 3 (2,5)
- Bridgestone Turanza All Season 6 (2,5)
In der Praxis bedeutet das: Wer einen echten Alltagsreifen sucht, landet eher bei diesen Namen als bei No-Name-Schnäppchen.

Solides Mittelfeld: Diese Reifen sind „befriedigend“ und damit kaufbar
Direkt hinter den Top-Modellen folgen vier Reifen, die insgesamt befriedigende Noten erreichen und laut ADAC „mit gutem Gewissen“ gekauft werden können:
- Michelin
- Dunlop
- BFGoodrich
- Viking
„Befriedigend“ klingt wenig glamourös, ist aber im Reifenbereich nicht automatisch schlecht. Es heißt vor allem: keine groben Ausreißer in sicherheitsrelevanten Disziplinen, dafür meist kleine Schwächen, die je nach Fahrprofil mehr oder weniger stören.

Die Problemzone: Acht Reifen sind nicht empfehlenswert
Der ADAC kann acht der getesteten Ganzjahresreifen nicht empfehlen, weil sie mindestens bei einer Witterung nur ausreichende oder schlechtere Leistungen zeigen. Besonders deutlich wird das am Schlussduo:
- Arivo Carlorful A/S – ADAC-Urteil 5,5
- Petlas Multi Action PT565 – ADAC-Urteil 5,5
Beide kommen laut Test auf keinem Untergrund über befriedigende Ergebnisse hinaus. In mindestens einer Kategorie sind die Schwächen so ausgeprägt, dass daraus ein Sicherheitsrisiko wird.
Bremsweg-Vergleich, der hängen bleibt: 31 Meter vs. 41 km/h Resttempo
Die anschaulichste Passage aus dem Test betrifft das Bremsen auf nasser Fahrbahn aus 80 km/h bis zum Stillstand. Der Continental als Zweitplatzierter steht nach gut 31 Metern. Der Arivo ist an dieser Stelle noch nicht einmal in der Nähe des Stillstands: 41 km/h Restgeschwindigkeit stehen noch auf dem Tacho.
Diese Gegenüberstellung ist mehr als eine Zahlenspielerei. Sie beschreibt den Unterschied zwischen „Auto steht vor dem Hindernis“ und „Auto trifft Hindernis“. Genau darum sind Ganzjahresreifen keine Stelle, an der sich eine Ersparnis automatisch auszahlt.

Für Camping, Outdoor und lange Fahrten: Warum das Fahrprofil entscheidend ist
Der ADAC betont, dass die Entscheidung für Ganzjahresreifen stark vom eigenen Fahrprofil abhängt. Das lässt sich gut auf typische Outdoor-Nutzung übersetzen:
- Sommerurlaub mit voller Beladung: Mehr Gewicht, höhere Temperaturen, längere Autobahnetappen. Hier brauchen Reifen Stabilität, Hitzetoleranz und gute Nassperformance, weil Regen bei Tempo 120+ schnell unangenehm wird.
- Skiurlaub oder Fahrten in Mittelgebirge: Wechsel zwischen geräumten und winterlichen Straßen, dazu Kälte und möglicherweise Schneematsch. Da zählt Wintertraktion, aber auch das Verhalten auf Nässe und bei Null-Grad-Regen.
- Ganzjähriger Pendelbetrieb in moderatem Klima: Genau hier können gute Allwetterreifen sinnvoll sein, weil Extrembedingungen seltener sind und der Komfortgewinn durch weniger Wechsel real wird.
Der praktische Merksatz: Ganzjahresreifen können passen, wenn die Route selten „extrem“ wird. Sobald Sommerhitze mit Zuladung oder echte Winterlagen regelmäßig vorkommen, sind Sommer- und Winterreifen oft die entspanntere Wahl.
So lässt sich der Test in eine Kaufentscheidung übersetzen
Wer nach dem ADAC-Ergebnis sortieren will, kann sich an drei einfachen Leitlinien orientieren:
- Sicherheitsausreißer meiden
Reifen, die bei Nässe oder Winterbedingungen deutlich schwächeln, sind im Alltag schwer planbar. Das ist der wichtigste Punkt. - Nicht nur auf die Gesamtnote schauen
Wer viele Kilometer macht, profitiert stärker von hoher Laufleistung. Wer selten fährt, schaut eher auf Sicherheit und Nässebremsen als auf Abrieb. - Ehrlich zum eigenen Einsatz sein
„Ich fahre selten in Schnee“ ist etwas anderes als „ich fahre nie in Schnee“. Und „ich fahre gemütlich“ bedeutet nicht, dass andere Verkehrsteilnehmer genauso unterwegs sind.
Fazit
Der ADAC-Test zeigt Fortschritte bei den Top-Modellen, aber auch ein klares Risiko im unteren Feld. Ganzjahresreifen sind damit keine Abkürzung, sondern eine Entscheidung, die zur Region, zum Fahrstil und zur Nutzung passen muss. Wer sich für Allwetter entscheidet, sollte sich eher am oberen Drittel orientieren und die Schlusslichter konsequent aussortieren.
