Garmin sucht innerhalb des eigenen Ecosystems nach neuen Möglichkeiten, hochwertige und neuartige Sensoren zu entwickeln und zu verkaufen. Bei neuen Sport-Sensoren gehört Garmin zwar zu den Besten, bei Wellness-Sensoren zieht das Unternehmen dagegen erst nach. Wrist-PPG und -ECG kamen bei Garmin jeweils erst nach der Konkurrenz. Und bei regulatorisch heiklen Feldern wie Glukose- oder Laktatmessung lässt der Hersteller bewusst andere Anbieter mit neuen Lösungen vorpreschen und das Risiko tragen.
Ein korrekt umgesetzter neuartiger Sensor könnte sich für Garmin daher gleich mehrfach lohnen. Er könnte ein Abonnement rechtfertigen, den bestehenden Markt vergrößern und den Verkauf von Smartwatches weiter ankurbeln. Zudem könnten auch Fahrradcomputer von den neuen Daten profitieren. Allerdings gibt es dabei einige Hürden zu überwinden. Allen voran die Benutzerfreundlichkeit und der Nachweis eines echten Trainingsnutzens für Sportler.
Garmin: Neue Metrik Muscle Battery?
Wie ernst es Garmin mit neuen Sensoren meint, zeigt sich bei Muscle Battery. Früher galten Herzfrequenz, Trittfrequenz und Geschwindigkeit als die einzigen breit nutzbaren Messwerte. Mittlerweile nutzen viele Sportler auch die Lauf- und Radfahrleistung regelmäßig. Wie 5KRunners berichtet sicherte sich Garmin 2026 Anfang nun die Marke “Muscle Battery” mit Bezug auf den Muskel-Sauerstoffgehalt SmO2. Dabei handelt es sich um eine Metrik, die das Unternehmen bereits vor Jahren über ANT+ unterstützte. Damit zielt Garmin offenbar auf den Kraftsport und den hippen Hybrid-Kraftsport ab.
Anders als Body Battery, das auf Basis von Herzfrequenzvariabilität, Schlaf und Stress ein Modell der allgemeinen Energiereserven erstellt, würde Muscle Battery eine direkte physiologische Messung liefern: die Sauerstoffsättigung im Muskel (SmO2) einer einzelnen Muskelgruppe, gemessen per Nahinfrarotspektroskopie (NIRS). Der Wert zeigt das dynamische Gleichgewicht zwischen Sauerstoffzufuhr und -verbrauch am jeweiligen Messpunkt an. Anders als Herzfrequenz oder Leistung steigt SmO2 nicht gleichmäßig mit der Belastung, sondern hängt vom Ausgangsniveau, der Richtung der Veränderung und dem Belastungskontext ab.
Die Markenanmeldung beschreibt Muscle Battery sinngemäß als Software zur „Erfassung, Verarbeitung und Analyse von Muskel-Sauerstoffsättigung”, die Teil künftiger Smartwatches, Fitness-Tracker und Gesundheitsgeräte werden soll. Welche Hardware dafür nötig ist, hat Garmin bislang allerdings nicht bestätigt. Am wahrscheinlichsten ist ein dedizierter Sensor, denkbar wären aber auch Ansätze über Elektromyografie (EMG) oder Lastmodellierung in Kombination mit bestehenden Herzfrequenz- und Beschleunigungsdaten. Klar ist nur: Der Sensor müsste direkt an der jeweiligen Muskelgruppe sitzen. Etwa am Oberschenkel beim Radfahren oder am Arm beim Krafttraining –, ein Handgelenk-Wert reicht dafür nicht aus.
Neue Technologien für das Training
Dass Garmin auch bei komplexeren Sensordaten mithalten kann, zeigt das bereits bestehende Ecosystem an Eigen- und Drittanbieter-Integrationen. Zur eigenen Produktpalette gehören Temperatur-Sensoren, Herzfrequenz-Brustgurte, Laufsensoren und Wattmess-Pedale mit Cycling Dynamics ebenso wie Radarsysteme, Lichter, Heimtrainer und Waagen zur Erfassung von Fett- und Muskelwerten.
Ergänzt wird dieses Angebot durch eine wachsende Zahl externer Spezialsensoren, die Garmin einbindet. Moxy oder Train Red liefern über Muskel-Sauerstoffwerte (SmO2) Daten zur Steuerung von Intensität und Pausenzeiten, kontinuierliche Glukosewerte kommen über das Smartphone hinzu. Das System CORE 2 schätzt die Kernkörpertemperatur für die Hitzeakklimatisierung, Flowbio und hDrop messen Flüssigkeits- und Natriumverlust und ersetzen so geschätzte Hydrationswerte durch ein gemessenes Aufnahmeziel. VitalPro erfasst die Atemfrequenz, Aerosensor den aerodynamischen Widerstand in Echtzeit.
Zukunftstrends und biochemische Grenzen
Bei anderen Sensorkategorien zeigt sich, wie hoch die Hürden tatsächlich liegen. Kontinuierliche Glukose-Monitore lesen zwar bereits den Glukosewert aus, doch reife Verbraucherprodukte für Ausdauersportler existieren hier ebenso wenig wie bei der kontinuierlichen Laktat-Messung, die es in keinem Konsumprodukt gibt. Echtzeit-Blutdruck lässt sich bislang nur über kleine Handgelenkmanschetten erfassen, und auch das Stresshormon Cortisol verbleibt weitgehend in der Forschung. Gemessen wird Stress heute indirekt über Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Hauttemperatur oder die elektrische Leitfähigkeit der Haut, da eine direkte Messung im Schweiß wegen zeitlicher Verzögerungen schwierig bleibt. Auch optische Sensoren mit mehreren Wellenlängen, die auf Glukose und Hydration abzielen, liefern noch kein zuverlässiges tragbares Produkt. Auch tiefere Biomarker wie Hämoglobin liegen noch in weiter Ferne. Selbst EKG-Messungen integriert Garmin bislang nur bei Bedarf auf Abruf, nicht kontinuierlich.
Vor diesem Hintergrund gilt ausgerechnet der Sensor für Muskel-Sauerstoff als sicherste Option für Garmins nächsten Schritt. Genau hier schließt sich der Kreis zur Muscle-Battery-Markenanmeldung: Das Unternehmen dürfte damit eine eigene proprietäre Kennzahl aufbauen, ganz nach dem Muster des bekannten Body Battery.
Muscle Memory in der Garmin Fenix 9?
Zeitlich könnte ein solcher Sensor bereits zum Launch der Fenix 9 im zweiten Halbjahr 2026 erscheinen. Branchenbeobachter gehen aber davon aus, dass es sich um ein separates Zubehörgerät handeln würde. Schließlich braucht eine zuverlässige SmO2-Messung Kontakt zur jeweiligen Muskelgruppe und funktioniert vom Handgelenk aus nicht. Offiziell bestätigt ist allerdings bislang nichts.
